Pressemitteilung 02.09.2012

+++ »Deutsche Eiche« mehr wert als Menschenleben? +++ Bündnis kritisiert selbstgefälliges Gedenken +++ Die Betroffenen sollen über Formen und Inhalte des Gedenkens entscheiden!

Eine Woche nach den Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen fällt die Bilanz über das vorherrschende Medienecho mehr als nüchtern aus. Ging es im Vorfeld des Gedenkens wenigstens ansatzweise um den Versuch sich mit den Vorfällen, Ursachen und Wirkungen zu beschäftigen, steht nun eins im Mittelpunkt der Berichterstattung: Die abgesägte deutsche Eiche, die die Stadt Rostock vor dem Sonnenblumenhaus gepflanzt hatte. Die Aktion führte nachträglich auch zu heftigen Polemiken gegen den antirassistischen Protest, den das Bündnis »20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus« organisiert hatte.

«Ist es nicht erstaunlich, dass die Empörung über eine gefällte Eiche weit heftiger ausfällt als über das rassistische Pogrom, an das sie erinnern sollte? Der Versuch, diese satirische Sachbeschädigung mit Brandanschlägen und Übergriffen von Nazis und Rassist_innen zu vergleichen belegt, worum es vielen geht: Man will Gras und Eichen über die Sache wachsen lassen«, erklärt das Bündnis. »Zwei Wochen vor den Gedenkveranstaltungen wurde ein Brandanschlag auf ein alternatives Wohnprojekt in Rostock verübt, wo war da der Aufschrei? Fällt ein Baum ist das Gejammer groß, geht es um Menschenleben bleibt es stumm.»

Laut einer Umfrage des Nordkuriers votierten bisher 69 % der Teilnehmer_innen für die Aussage »Mit dem Pflanzen einer Eiche wurden die Gefühle der Opfer verletzt.«. Das Bündnis wertet dies als Indiz, dass die kommunale Bepflanzungsaktion keineswegs als demokratisch legitimiertes Gedenken gelten kann. Insofern ist der Rostocker Senatorin für Soziales, Liane Melzer (SPD) zuzustimmen, »dass der Aufarbeitungsprozess noch längst nicht beendet ist«.

Dazu erklärt das Bündnis: »Die Stadt Rostock sollte froh sein, dass dieses peinliche Symbol entsorgt wurde. Sie hat jetzt eine zweite Chance, ein angemessenes Gedenken zu organisieren. Dabei geht es mitnichten um die Bedürfnisse der Rostockerinnen und Rostocker, es kommt auf die Perspektive und auf die Wünsche der Betroffenen an. Auch derjenigen, die bis heute mit rassistischen Sondergesetzen, Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung konfrontiert sind. Gedenken darf nicht in der Vergangenheit verharren und von den Problemen der Gegenwart ablenken.«

Zu den drängenden Problemen der Gegenwart zählt das Bündnis auch die schleppende Aufklärung der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« und das zögerliche Verhalten der Verantwortlichen, wenn es um ein sichtbares Gedenken an die Opfer vor Ort geht. Das Bündnis schließt sich deshalb der Forderung an, eine Straße in Rostock nach dem vom NSU ermordeten Mehmet Turgut zu benennen.

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Rostock-Lichtenhagen 2012:            Gedenken in weiss.